Die letzten Inka 3
Nach ca. einer Stunde wird das Ende des Tales sichtbar. Wo ist Qeros? Da rechts hinauf. Ungläubig schaue ich hoch. Und Juan gibt schon das Tempo vor. An einer vielleicht zwei mal zwei Meter großen Steinhütte mit trockenem Ichu-Gras gedeckt führt der Weg steil nach oben. Wie in einer steilen Rinne. Mir tut mein Pferd leid. Es schnauft den steilen Weg hoch. Aber wenn ich daran denke, zu Fuß gehen zu müssen, hoffe ich nur eins: dass mein Pferd durchhält. Den Indios scheint es nichts auszumachen. Selbst der alte Nikolas trägt noch einen Beutel mit drei Tagesrucksäcken von uns am Rücken.
Eine Weile später, die Sonne hat sich wieder hinter die Wolken verzogen, kommen wir an eine Bergkuppe. Unter mir breitet sich das Dorf aus. Und absolute Stille. Auf das, was hier unter mir sichtbar wird, war ich nicht im Entferntesten vorbereitet. Auf einer kleinen natürlichen Anhöhe oberhalb eines sanften Tales ducken sich etwa 20 Häuschen aus Stein, mit Stroh gedeckt in den Hang. Die Gefühle, die mich durchlaufen, kann ich nicht wiedergeben. Diese Einfachheit, diese Schlichtheit, wenn man den Begriff Harmonie materialisieren könnte, dann wäre dieses Dorf die materialisierte Harmonie. Die Nebel tragen noch zusätzlich zur Stimmung bei. Ich kann mich gar nicht genug satt sehen.
Hier also leben die letzten Inkas. Hier haben sie abgeschieden von jeglicher Zivilisation in den Jahrhunderten seit der spanischen Eroberung ihre Eigenständigkeit bewahren können. Die Spanier sind nie bis hierher gekommen. Die Legenden und Überlieferungen berichten, dass eine Gruppe von Schamanen und Priestern in die Berge geflüchtet sei. Die spanischen Eroberer haben dann die Verfolgung aufgegeben, weil sie glaubten diese Inkas seien tot. Jahrhunderte lang lebten sie in dieser Einsamkeit, ohne sich um die Welt hinter den Bergen zu kümmern. Erst in den Vierziger Jahren wurden Anthropologen auf die Volksgruppe der Qerosindianer aufmerksam und begannen behutsam, deren Lebensweise zu erforschen. Es stellte sich heraus, dass diese Volksgruppe eine etwas andere Kleidung trug, auch einen bis dahin in Peru unbekannten Qechua-Dialekt sprach und eine Gesellschaftsform lebte, wie sie von den Chronisten von den Inkas berichtet wurde. Die Regierungsform war ebenfalls die selbe, wie zur Inkazeit. Denn die Anführer des Volkes waren sowohl spirituelle Führer als auch politisch für die Geschicke des Volkes verantwortlich.
Und hier stand ich nun, ein echtes Inkadorf zu meinen Füßen. Gemächlichen Schrittes, ja fast andächtig gehe ich, das Pferd am Zügel führend, die letzten hundert Meter hinunter in das Dorf.
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